Edelstein aus Glas

U-Bahnstation in Düsseldorf verbindet Kunst, Handwerk und Verarbeitungstechnik

Im Februar dieses Jahres eröffnete die Stadt Düsseldorf mit der Wehrhahn-Linie mehr als nur eine neue U-Bahnlinie. Ein ganzheitliches architektonisches sowie künstlerisches Konzept machen aus ihr ein eigenständiges Werk im öffentlichen Raum. Zugang zu diesem unterirdischen „Kontinuum“ erhalten die Fahrgäste über sechs Stationen, die unter Mitwirkung von sechs Künstlern individuell gestaltet wurden. Für die Haltestelle Graf-Adolf-Platz schuf der Künstler Manuel Franke einen gläsernen Achat und nutzte für seine Gestaltung die Möglichkeiten, die sowohl der Werkstoff Glas als auch das Unternehmen Glas Trösch zu bieten haben.

Die neue Düsseldorfer U-Bahnlinie, die sogenannten Wehrhahn-Linie, ist das Bekenntnis einer Stadt zur Kunst. Schon bei der Ausschreibung des EU-weiten Architektenwettbewerbes vor gut fünfzehn Jahren galt als Zielsetzung, mit dem Projekt eine für jedermann erfahrbare Verbindung von Architektur und Kunst im Stadtraum zu erreichen. Damals wie heute überzeugte das Gestaltungskonzept des unterirdischen „Kontinuums“, das netzwerkarchitekten aus Darmstadt in Zusammenarbeit mit der Künstlerin Heike Klussmann entwickelt haben und mit dem sie sich gegen große internationale Konkurrenz durchsetzen konnten. Das Ergebnis dieser alles verbindenden Idee für die 3,4 Kilometer langen Fahrröhre lässt sich an der besonderen Ausarbeitung der Bahnsteige ablesen. Eine wiederkehrende Reliefstruktur aus veredelten Betonelementen überzieht die Wandoberflächen. Grundform ist dabei die Raute, die in ihrer Größe und Ausweitung ständig variiert und so eine starke Dynamik erzeugt.

Sechs neue Stationen stellen die Verknüpfung der Wehrhahn-Linie zum Stadtraum dar. Hell und großzügig führen sie die Fahrgäste nicht, wie so oft der Fall, in einen dunklen Schacht hinunter, sondern erweitern den Außenraum in die Tiefe. Innerhalb des Gesamtkonzeptes wurden sie als eigenständige Schnitträume zwischen den Ebenen interpretiert und auch gestalterisch als solche behandelt. In einem von Stadt und Architekten initiierten Kunstwettbewerb fiel die Wahl neben Frau Klussmann auf fünf weitere Künstler, die aus den Zugängen kreative Zwischenwelten schufen – jeder von ihnen mit einer ganz eigenen Identität.

Mittendrin für jeden Tag

Die Haltestelle Graf-Adolf-Platz befindet sich mitten in der Düsseldorfer Innenstadt. Ob auf dem Weg zu den umliegenden Bürogebäuden oder als Anlaufstelle für ausgiebige Shoppingausflüge in die beliebte Königsallee, die hier beginnt – der U-Bahnhof wird täglich von mehreren tausend Fahrgästen frequentiert und bildet heute einen wichtigen Dreh- und Angelpunkt im neuen Verkehrsnetz.

Drei Treppenaufgänge führen aus unterschiedlichen Zugangsrichtungen zunächst auf eine Verteilerebene innerhalb der Station. Dieses baulich sehr offen gestaltete Galeriegeschoss ist, wie auch bei den anderen fünf Haltestellen, Teil des architektonischen Konzeptes von netzwerkarchitekten. Die Bahnsteige sind vollständig einsehbar, was eine einfache Orientierung ermöglicht sowie, unterstützt von heller Beleuchtung, Sicherheit beim Betreten der Bahnhofshalle gibt. Im Falle der Haltestelle Graf-Adolf-Platz überspannt die Galerieebene die Fahrröhre der Wehrhahn-Linie und führt die Fahrgäste über zwei breite Festtreppen mit einer Breite von jeweils 2,40 Meter hinab zu den Gleisen. Der Künstler Manuel Franke nutzte die aus der städtebaulichen Umgebung gewachsene Form „seines“ Schnittraumes vollständig aus. In detailreicher Handwerkskunst ließ er unterirdische Strukturen auf gläserner Oberfläche entstehen.

Natürlicher Linienstrom in starken Farben

„Mein Ziel bei der Gestaltung der Haltestelle Graf-Adolf-Platz war es, den Weg unter die Erde bewusst zu machen. Wie bei einem Achat, der durch seine vielschichtigen Ablagerungen diese besondere Tiefe und spannende Formenvielfalt erhält, begleitet der Linienstrom die Fahrgäste bis zum Bahnsteig und lädt sie gleichzeitig dazu ein, sich in der Betrachtung der Wandgestaltung zu verlieren“, so Manuel Franke über sein Kunstwerk, das er auf einer Wandfläche von circa

1.000 m2 farbig gestalteter Glastafeln geschaffen hat. Leuchtend grün, durchbrochen von einem pulsierenden Linienschwung in Violett, lässt er einen begehbaren Farbraum entstehen. An jedem der drei Zugänge beginnt ein solcher Farbstrom. Jeweils an der außenseitig liegenden Treppenwand liegend, umfasst der Achat auf diese Weise den gesamten Bahnhof und entfaltet von der Straße, über die Zwischenebene, bis auf den Fahrsteig seine Wirkung. Als ruhiger Gegenpol steht den dynamisch gestalteten Wandtafeln mit all ihren Schattierungen und Verwerfungen eine monochrome Farbfläche im gleichen Grünton gegenüber, die ebenso Teil des Gesamtkunstwerkes darstellt.

Wie der Achat, der in seiner Farbigkeit nicht festgelegt ist, sondern sich über eine besondere, stets vom Fundort abhängige Farbvielfalt auszeichnet, stand auch die Wahl des leuchtenden Grün in direktem Zusammenhang mit seiner räumlichen Funktion. Es stellt sich mit voller Intensität gegen die Dunkelheit des Untergrundes und nimmt ihm die beängstigende Wirkung. Das Violett des Linienstromes bildet eine optimale Ergänzung. Mit hohem Grauanteil nimmt es sich gegenüber dem Grün deutlich zurück, verstärkt jedoch gleichzeitig das gewünschte Spiel von Tiefe und Schatten. Entstanden ist das Kunstwerk mittels eines eigens für dieses Projekt entwickelten, analogen Werkprozesses, der in die industrielle Fertigung der gläsernen Wandverkleidung aus Verbundsicherheitsglas (VSG) eingreift.

Handarbeit im Herstellungsbetrieb

Hinter der Entwicklung des Herstellungsverfahrens zur bestmöglichen Umsetzung der künstlerischen Idee liegt ein langer und intensiver Entstehungsprozess. Bereits 2010 nahmen netzwerkarchitekten den ersten Kontakt zu Glas Trösch auf, mit der Bitte, Herrn Franke zu Testzwecken die Bearbeitung verschiedener Musterplatten im Betrieb zu ermöglichen. Das Unternehmen erklärte sich dazu bereit, sich auf die Versuche ohne sicheren Ausgang einzulassen und öffnete dem Künstler seine Türen. Nach Erprobung des Verfahrens folgten zahlreiche Farbmuster sowie eine sorgfältige Überarbeitung des Linienstromes. Als das Projekt schließlich zur Ausführung kam, verbrachte Manuel Franke mehrere Wochen im Werk. „Es war ein langer und teilweise mühsamer Weg. Aber auch an kritischen Punkten haben wir immer wieder gemeinsam Lösungen gefunden und das Ergebnis zeigt deutlich, dass sich die Arbeit gelohnt hat“, so Daniela Buck, die dem Künstler als Architektin seitens Glas Trösch all die Jahre beratend zur Seite stand.

Da die zu gestaltenden Scheiben nicht als komplette Wandabwicklung nebeneinander gelegt werden konnten, erfolgte die künstlerische Gestaltung abschnittsweise in Bearbeitung von jeweils sechs Scheiben. Der Linienstrom springt über die Fugen der Glastafeln mit einer Größe von 0,95 x 1,70 Metern hinweg und lässt sie mit dieser übergreifenden Bewegung zusammenfließen. Glas in der Weiterverarbeitung als VSG, also zwei durch eine PVB-Folie verbundene Glasscheiben, bot aufgrund seiner Mehrschichtigkeit das ideale Trägermaterial. Die grüne Farbe wurde vollflächig auf der Rückseite der vorderen Scheibe aufgetragen. In noch flüssigem Zustand entstand der Linienstrom durch die Subtraktion der Farbschicht, also vor dem Einbrennen der keramischen Beschichtung, auf 170 der insgesamt knapp 750 im U-Bahnhof verbauten Glastafeln. Dazu setzte der Künstler Lösungsmittel, Pressluft, Bürsten, Spachtel und weitere Werkzeuge ein. Nach dem Trocknen der Farbschicht wurden die Platten erneut mit Spachtel Messern und den Händen bearbeitet. Die aufgebrochenen Bereiche geben den Blick auf die zweite, monochrom violette Farbebene frei, die rückseitig auf der hinteren Scheibe aufgetragen wurde. Zwischen den beiden Farbebenen schafft die Glasstärke von zehn Millimetern Raum für detailreiche Schattenwürfe. Erst nach der aufwendigen manuellen Bearbeitung wurde das Glas zum eigentlichen VSG verbunden. Ein Punkthaltesystem an der hinteren Scheibe, das zusammen mit Glashandel Pritz für das Projekt entwickelt wurde, ermöglicht die unsichtbare Befestigung der Wandtafeln am Bau.Die U-Bahnhaltestelle Graf-Adolf-Platz zeigt deutlich, dass eine gute Kommunikation und die enge Zusammenarbeit von Architekten, Künstlern und Industrie neue Wege aufmachen und besondere Projekte hervorbringen können. 

Bautafel

Fertigstellung: Februar 2016

Bauherr: Landeshauptstadt Düsseldorf

Architekt: netzwerkarchitekten, Darmstadt

Künstlerische Konzeption, „Kontinuum“ Wehrhahn-Linie: Heike Klussmann, Berlin

Künstlerische Konzeption, Station „Graf-Adolf-Platz“: Manuel Franke, Düsseldorf

Künstlerische Ausführung, Station „Graf-Adolf-Platz“: Manuel Franke, Leni Hoffmann, Düsseldorf

Objektberatung: Daniela Buck, Glas Trösch GmbH

Ausführende Firma: Glashandel Pritz (Planung und Montage), Engelskirchen

Glasherstellung: Glas Trösch

Quelle: Glas Trösch Beratungs-GmbH