06.02.2012

Welt aus Glas: Ein einst langweiliger Werkstoff fasziniert die Tech-Gemeinde

Eigentlich war Glas immer langweilig. Man sammelte es und kippte es in den Altglascontainer. Und wenn Glas dann doch mit Hightech in Berührung kam, wie in PC-Monitoren, zog es Staub an. Ein öder Werkstoff. Doch das Jahrhunderte altes Material macht eine wundersame Wandlung durch: Mit Hilfe unterschiedlichster Technologien wird es intelligent: Es reagiert auf Berührungen, färbt sich auf Knopfdruck wie eine Sonnenbrille und erzeugt bei Bedarf Energie. Und auf einmal fasziniert das uralte Material die Tech-Gemeinde. Ein Werbevideo des US-Herstellers Corning über die Möglichkeiten von neuem Hightech-Glas wurde von Millionen Menschen in aller Welt angesehen.

Glas ist auf einmal zu einem faszinierenden Werkstoff geworden. Das haben wir auch bei der WirtschaftsWoche gemerkt, als wir vor einigen Wochen die neuen Eigenschaften des Materials beschrieben.

Auch der Text hat Tausende fasziniert und gehörte zwei Tage zu den meistgelesenen Artikeln auf WiWo.de. Der große Erfolg hat mich dann doch überrascht und ich habe länger darüber nachgedacht, weshalb sich so viele Menschen für den einst langweiligen Werkstoff interessieren. Wahrscheinlich liegt es auch daran, dass wir uns dafür interessieren, wenn Dinge, die uns seit jeher begleiten, weiterentwickelt werden.

In unserem Text haben wir jedenfalls beschrieben, wie Corning und Schott an hauchdünnen, immer stabileren Scheiben arbeiten, die es sogar aushalten, wenn man darauf herumtrampelt.

Aber Glas muss dabei nicht starr sein. Corning und andere Hersteller arbeiten bereits an rollbarem Glas, die in ein paar Jahren eine völlig neue Generation von Tablet-Rechnern möglich machen wird.

Und trotzdem ist Glas extrem stabil. Viele, die hier im Blog mitlesen, dürften schon die gläsernen Stufen in den Apple-Stores gesehen haben oder die durchsichtige Besucherbrücke am Grand Canyon. Um Glas so stabil zu machen, werden feine, durchsichtige Plastikschichten zwischen die Glasplatten geschmolzen.

Am interessantesten aber finde ich Fensterscheiben, die sich per Knopfdruck abdunkeln lassen, wenn etwa die Sonne zu kräftig draufscheint. Der Dimm-Effekt beruht übrigens auf den Eigenschaften von Lithium-Ionen: Sobald Strom durch die Scheibe fließt, wandern sie zu einer Schicht aus Wolframoxid. Diese ist im Normalzustand farblos. Sobald die Lithium-Ionen aber dort ankommen, färbt sich das Wolframoxid blau. Binnen wenigen Minuten ist das Glas dunkel.

Einige Fenster heizen die Gebäude im Winter sogar aktiv und sparen damit Heizkosten. Dafür überziehen Hersteller die Scheiben mit einer hauchdünnen, unsichtbaren Silberschicht. Sobald ein schwacher Strom von Elektronen hindurchfließt, stoßen diese an die Metallatome und regen sie zum Schwingen an. Das erzeugt Wärme.

Noch spannender finde ich eine Technik von Forschern der Universität von Südflorida. Sie haben eine Kunststoff-Beschichtung entwickelt, die sich wie ein durchsichtiger Lack auf Glas sprühen lässt. Diese Schicht verwandelt das Fenster in eine durchsichtige Solarzelle: Fällt Sonnenlicht darauf, gerät es unter elektrische Spannung.

Quelle: Corning und Schott/blog.wiwo.de