Zusammen mit Bollinger+Grohmann Consulting haben Sie ein Tool zur Lebenszyklusanalyse von Glasfassaden entwickelt, die sehr früh im Planungsprozess ansetzt. Worin unterscheidet sich die App von bereits am Markt erhältlichen Softwarelösungen?
Die Software KonGlas LCA verbindet vier Dinge miteinander: parametrische Fassadenmodellierung, strukturelle Dimensionierung, dynamisch-thermische Simulation und Lebenszyklusanalyse (LCA). Mit dem Tool lassen sich zahlreiche, systematisch erzeugte Fassadenvarianten vergleichen und anhand mehrerer Zielgrößen optimieren. Neben statischen Analysen liefert die prospektive, Szenario-basierte LCA realistische Ergebnisse zu den Wirkungen des Fassadensystems über den gesamten Lebenszyklus hinweg. Zugleich werden Herstellungsszenarien wie Re-Use und Re-Manufaktur von Glasbauteilen in ihrer Wirkung über den Lebenszyklus erfasst. Potenziale der Wiederverwertung werden bereits im frühen Planungsprozess aufgezeigt. Ein künstliches, neuronales Netz (KNN) erlaubt die Identifikation optimierter Fassadenvarianten und relevanter Planungsparameter in Echtzeit. Wenn alle Beteiligten sehr früh wissen, welche Folgen ihre Ideen und Vorschläge haben, beschleunigt das die Entscheidungsfindung. Bollinger+Grohmann Consulting und wir demonstrieren das Tool auf der glasstec und freuen uns auf Feedback.
Daneben forschen Sie auch an Fassadenverglasungen, die von Flüssigkeit durchströmt werden. Wie stellen Sie diese Gläser her und wofür ließen sich diese nutzen?
Unser Ansatz funktioniert wie ein wassergefülltes Isolierglas. Der Wasserdruck wird im System „kurzgeschlossen“, sodass wir mit weniger Glasdicke auskommen. Wir nutzen nicht nur die hohe Oberflächengüte von Glas, sondern arbeiten zusätzlich mit einer konventionellen Gasfüllung und modernen Beschichtungen. Stellen Sie sich vor, Sie stehen an einem heißen Tag hinter einer transparenten Wärmetauscherfassade. Weil die auftreffende Sonnenstrahlung nicht nur durch das Glas reflektiert, sondern durch die Wasserfüllung der Scheiben abtransportiert und genutzt wird, fühlen Sie sich trotz der Hitze sehr wohl. Wir vermeiden Überhitzung, steigern die Behaglichkeit im Innenraum und die Energieeffizienz des Gebäudes. Die auftreffende Sonnenenergie wird wie bei einem Solarthermiekollektor abtransportiert. Interessenten sind zum Ausprobieren gern nach Dresden eingeladen.
Der Wasserdruck ist sicher enorm – muss das Glas in einer Wärmetauscherfassade nicht besonders dick sein? Welche konkreten Anwendungen sind denkbar?
Wir arbeiten ebenso wie die Kollegen vom Freiburger Fraunhofer Institut IWM an Konstruktionen, welche mit möglichst wenig Glasdicke auskommen, die aber auch hohen Wasserdrücken in transparenten Wärmetauscherfassaden widerstehen. Um maximal materialeffizient zu sein, braucht es Steifigkeit an der richtigen Stelle. Die Kollegen in Freiburg arbeiten mit Glasscheiben, die ähnlich wie tiefgezogene Bleche funktionieren. In Dresden kleben wir zwei Dünnglasscheiben auf eine 3D-gedruckte Polymerstruktur. Hier können wir frei gestalten, Licht lenken und verschatten. Das Dünnglas erlaubt uns überdies Freiformen – ähnlich den bereits erwähnten flexiblen Handydisplays oder gekrümmten Monitorverglasungen.
Welche Themen und Entwicklungen werden Ihrer Meinung nach die Glasbranche in den kommenden Jahren bestimmen?
Eine Lebenszyklusanalyse wird zum verpflichtenden Standard. Wir müssen uns fragen, welche Konsequenzen einzelne Konstruktionsentscheidungen für die Ökobilanz haben, und wie sich diese schnell abschätzen lassen. Ebenso wie die Folgen künftiger Recycling- und Re-Use-Strategien auf den Planungsprozess. Bei alldem ist es wichtig, dass wir die zunehmende Datenflut klug und effizient nutzen und uns nicht von ihr begraben lassen.