Zwei Glaseigenschaften werden Vögeln zum Verhängnis: die Reflexion, weil sie das Spiegelbild nicht von der Realität unterscheiden können, und die Transparenz, wenn sie versuchen, Ziele hinter dem Glas zu erreichen. Matthias Haller ist bei Eastman im Marketing Technical Service tätig und leitet den Arbeitskreis Vogelschutz beim Bundesverband Flachglas e. V. Gemeinsam mit Jochen Grönegras, Hauptgeschäftsführer vom Bundesverband Flachglas e. V., hielt er auf der glasstec 2024 im Rahmen des bird protection forum einen Vortrag. Dabei machten sie auf bestehende Probleme und mögliche Lösungen in diesem Bereich aufmerksam.
Ihr Vortrag auf der letzten glasstec trug den Titel „Wir sind Teil des Problems, aber auch Teil der Lösung”. Was genau ist damit gemeint – und wer ist in der Glasbranche besonders gefragt?
Matthias Haller: Wir – das sind Unternehmen, die Glas herstellen bzw. verarbeiten – produzieren Glasprodukte, die in Gebäuden verbaut werden . Wenn diese ohne hochwirksame Markierungen hergestellt werden, stellen sie ein Risiko für die Vögel dar. Deshalb sind wir Teil des Problems. Wir sind aber auch Teil der Lösung, denn wir bieten Produkte an, die auf den Vogelschutz Rücksicht nehmen bzw. verarbeiten sie zu hochwirksamen Vogelschutzgläsern.
Angesprochen sind vor allem Planer, Hersteller und Verarbeiter sowie Fenster-, Fassaden- und Metallbauer.
Was sind typische Fehler in der Glasarchitektur, die zum Vogelschlag führen – wo sehen Sie aus Ihrer Erfahrung die Hauptursachen in Planung, Ausführung oder Produktauswahl?
Matthias Haller: Es gibt zwei typische Fehler:
1. Es werden Gläser ohne jegliche Markierungen eingebaut. Je nach Einbausituation und / oder umgebender Natur (Pflanzen, Bäume, Wiesen, Hecken etc.) stellen diese Gläser ein Risiko für die Vögel dar, da die Vögel das Glas nicht erkennen können. So besteht die Gefahr, dass sie gegen das Glas fliegen, sich verletzen oder sterben.
2. Es werden Gläser mit unwirksamen oder nur bedingt wirksamen Markierungen eingebaut. Häufig wurde ein monolithischer Aufbau (z. B. 44.2) ohne Funktionsbeschichtungen bzw. ohne Isolierglas im Wahltest in der biologischen Station Hohgenau als hochwirksam eingestuft. Eingebaut wird jedoch ein Verbundsicherheitsglas (VSG) mit einer Solar- und/ oder low-e Beschichtung im Zweifach- oder Dreifach-Isolierglas oder als vorgehängtes VSG vor einem Isolierglas mit Beschichtungen. Für diese Aufbausituation liegt dann kein Nachweis der Hochwirksamkeit vor.
Gibt es Pilotprojekte oder Best-Practice-Beispiele, die als Modell für die Branche dienen können?
Matthias Haller: In Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es inzwischen sicher mehr als 100 Projekte, bei denen die eingebauten Scheiben mit hochwirksamen Markierungen versehen wurden. Die Hersteller bewerben diese Projekte intensiv.
Ein architektonisches und technisches Highlight ist sicherlich das Projekt „Gläserner Fels" auf dem Loreley-Plateau.
Relativ neu sind Projekte, bei denen Bandmaße mit hochwirksamen Markierungen eingesetzt werden. Diese werden beim Hersteller auf dem VSG-Schneidetisch zugeschnitten und dann im Isolierglas verbaut. In Berlin wird gerade das Hochhaus am Nordhafen so ausgeführt. Es gibt mehrere Bandmaß-VSG-Hersteller, die diese Produkte herstellen und anbieten.
Was sind aus Ihrer Sicht die „nächsten Schritte“ für die Glasbranche – mehr Forschung, Standardisierung oder verstärkte Kommunikation?
Matthias Haller: Ein wesentlicher Schritt wird darin bestehen, Anwendungsregeln (Übertragungsregeln) auch für andere Produkte und Lösungen zu erstellen. Diese Regeln werden es ermöglichen, dass Produkte auch in nicht getesteten Aufbauten als hochwirksam eingestuft werden können, sofern sie die Vorgaben der zu erstellenden Regeln erfüllen. Für ein Produkt gibt es diese Übertragungsregelungen bereits. Auf Seiten der Behörden werden mit Sicherheit weitere verpflichtende Anforderungen erlassen (wie z. B. das hessische Naturschutzgesetz mit dem Passus, dass keine zusammenhängenden Glasflächen größer als 20m² zulässig sind).
Mit Sicherheit wird es in der Zukunft Standards oder gar Normen geben. Österreich arbeitet aktuell an einer Norm die auch vogelfreundliches Glas beinhaltet. Die Kommunikation ist eine der Aufgaben unseres Arbeitskreises.