Der Bundesinnungsverband des Glaserhandwerks (BIV) bündelt seit über 140 Jahren die Interessen der Glaserbranche – von der Berufsausbildung über technische Standards bis zur Vertretung gegenüber Politik und Wirtschaft. Was die angeschlossenen Betriebe aktuell beschäftigt und was das Handwerk vom Dialog mit der Industrie erwartet, erklärt Bundesinnungsmeister Robert Schmitz.
Welche Entwicklungen prägen das Glaserhandwerk aktuell am stärksten, wenn Sie über viele Betriebe hinweg schauen?
Robert Schmitz: Das Glaserhandwerk ist sehr heterogen – von kleinen Fachbetrieben bis zu größeren, spezialisierten Unternehmen mit unterschiedlichen Geschäftsfeldern. Zwei Entwicklungen stechen jedoch besonders hervor: der Klimawandel mit seinen energetischen Anforderungen und die fortschreitende Digitalisierung.
Beim Thema Klimaschutz nimmt das Glaserhandwerk eine Schlüsselrolle ein. Energetische Sanierung, Werterhaltung, Fensterertüchtigung und moderne Verglasungssysteme leisten einen direkten Beitrag zur Reduzierung des Energieverbrauchs. Gleichzeitig gewinnt die ganzheitliche Sanierung – auch jenseits rein energetischer Aspekte – an Bedeutung. Hier liegen enorme Chancen, die vielerorts noch nicht vollständig ausgeschöpft werden.
Parallel dazu ist die Digitalisierung längst vom „Nice-to-have“ zum Standard geworden. Betriebe stehen vor der Herausforderung, passende Softwarelösungen zu finden, digitale Prozesse sinnvoll zu integrieren und gleichzeitig Themen wie Datenschutz und DSGVO sicher umzusetzen. Gerade kleinere und mittlere Unternehmen brauchen hier Orientierung und praxistaugliche Unterstützung.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Verständlichkeit von Normen und Regelwerken. Komplexität darf nicht dazu führen, dass Kolleginnen und Kollegen abgeschreckt werden. Praxisnahe Aufbereitung und klare Leitlinien sind unerlässlich.
Nicht zuletzt sollte es gelingen, das Produkt Glas emotionaler zu positionieren: weg vom reinen Funktionsprodukt, hin zum Hightech-Werkstoff mit Gestaltungskraft und Faszination – ein Material, das Begeisterung weckt und dessen Wert aktiv kommuniziert wird.
Was braucht es aus Verbandssicht, damit mehr Nachwuchs ins Glaserhandwerk kommt und auch bleibt?
Robert Schmitz: Vor allem Sichtbarkeit ist entscheidend– in den Medien, auf Berufsinfomessen und in Schulen mindestens ebenso präsent wie vergleichbare Gewerke. Dafür braucht es klare, einfach umsetzbare Konzepte, Materialien und Unterstützung für Innungsbetriebe, damit Nachwuchswerbung nicht an organisatorischen Hürden scheitert.
Ebenso wichtig ist die Qualifizierung der Ausbilderinnen und Ausbilder. Ausbildungsbetriebe müssen gestärkt, begleitet und professionalisiert werden. Junge Menschen erwarten heute Perspektive, Wertschätzung und eine klare Vision. Betriebe brauchen ein überzeugendes „Warum“, das Orientierung gibt und Identifikation ermöglicht.
Negative Ausbildungserfahrungen sprechen sich schnell herum. Deshalb ist eine gute Betreuung, ein respektvoller Umgang und eine klare Zukunftsausrichtung entscheidend, damit Auszubildende im Beruf bleiben.
Darüber hinaus sollten auch Eltern und die Gesellschaft stärker angesprochen werden. Das Handwerk bietet eine sichere, zukunftsfähige Perspektive – gerade in Zeiten zunehmender Automatisierung und KI. Diese Botschaft gilt es, selbstbewusst zu kommunizieren.