Sie erwähnten, dass die Exponate heute weniger gestaltprägend, sondern eher funktional ausgerichtet sind. Kann und sollte Glas gleichzeitig Gestaltungselement, Energiequelle, intelligenter Klimaregler und kreislauffähiger Baustoff sein?
Jutta Albus: Ja – und ich denke sogar, dass Glas diese Funktionen zukünftig noch stärker miteinander verbinden muss. Die gestalterische Qualität bleibt ein wesentlicher Bestandteil der Architektur, sie wird jedoch zunehmend um Anforderungen an Energieeffizienz, Klimaanpassung und Kreislauffähigkeit ergänzt. Themen wie Dekarbonisierung, energetische Optimierung und Ressourcenschonung bestimmen heute den Innovationsdruck im Bausektor maßgeblich. Diese Entwicklung ist auch im Glas- und Fassadenbau deutlich erkennbar. Gleichzeitig zeigt die Ausstellung, dass gestalterische Innovation keineswegs an Bedeutung verliert. Die skulpturale Arbeit von Atelier Barrois mit gesteckten Prismengläsern oder die doppelgekrümmte Verglasung von Sedak verdeutlichen eindrucksvoll, welches gestalterische und technologische Potenzial Glas weiterhin besitzt. Daneben gewinnen Entwicklungen wie CO₂-reduzierte Herstellungsverfahren, leistungsfähige Beschichtungen, adaptive Fassadensysteme, Solarglas und kreislauffähige Konstruktionen zunehmend an Bedeutung.
Es scheint eine Schere aufzugehen zwischen den Themen Recycling und Wiederverwendung. Ersteres boomt, Letzteres bleibt vorerst ein Nischenthema, weil es so schwer ist, die Qualitätsanforderungen, insbesondere in Deutschland, zu erfüllen?
Jutta Albus: Ich sehe hier weniger einen Widerspruch als vielmehr zwei aufeinander aufbauende Strategien der Kreislaufwirtschaft. Der größte ökologische Nutzen entsteht zunächst durch die Wiederverwendung von Bauteilen. Gelingt es, Fenster- und Fassadenelemente in einem neuen Nutzungskontext einzusetzen, bleibt die bereits investierte graue Energie erhalten, und CO₂-Emissionen werden über den Lebenszyklus deutlich reduziert. Genau darin liegt aber auch die eigentliche Herausforderung des Recyclings: Nicht der Werkstoff Glas ist das Problem, sondern die komplexen Verbundsysteme, in denen er heute eingesetzt wird. Wie solche Herausforderungen künftig gelöst werden können, zeigt eines der Exponate der Ausstellung.
Eine reversibel geplante Pavillonstruktur demonstriert die Wiederverwendung von gebogenen, selbsttragenden Verbundgläsern. Langfristig werden wir beide Strategien benötigen: die möglichst hochwertige Wiederverwendung kompletter Bauteile und – dort, wo dies nicht mehr möglich ist – leistungsfähige Recyclingprozesse. Die Weichenstellung muss bereits im Entwurf erfolgen. Wir müssen Gebäude konsequent nach den Prinzipien des „Design-to-Disassemble“ und der Materialtrennung planen.
Apropos Nischenthema: Sind beim Dünnglas inzwischen großflächige Anwendungen in Sicht?
Jutta Albus: Das hängt davon ab, wie man „großflächige Anwendung“ definiert. Betrachtet man den Gesamtmarkt, ist Dünnglas nach wie vor ein Spezialprodukt. Betrachtet man hingegen die spezifischen Anwendungsfelder, hat es sich in den vergangenen Jahren etabliert. Ein wichtiges Einsatzgebiet sind Dreifach-Isoliergläser. Durch den Einsatz von Dünnglas lässt sich das Gewicht der Verglasung um bis zu 45 Prozent reduzieren. Dies entlastet Rahmenkonstruktionen und Beschläge und ist insbesondere bei der energetischen Bestandssanierung von Vorteil. Mit Formaten von bis zu 1,50 × 2,20 m lassen sich bereits heute zahlreiche Anwendungen realisieren. Auch die Herstellungs- und Verarbeitungstechnologien haben sich erheblich weiterentwickelt. Dünngläser mit Dicken zwischen 0,5 und 2 mm können heute prozesssicher und in hoher Qualität produziert und weiterverarbeitet werden.
Darüber hinaus kommen sie zunehmend in Verbundsicherheitsgläsern zum Einsatz, um die Gewichtsbeschränkungen moderner Fassadensysteme einzuhalten. Ein gebogenes Dünnglas-Polycarbonat-Verbundelement sowie eine adaptive Dünnglasfassade demonstrieren in der diesjährigen Ausstellung die Potenziale der leichten Scheiben. In der Photovoltaik dienen Dünngläser als Deckscheiben für PV-Module und erweitern das Spektrum gebäudeintegrierter Solarsysteme. Ich glaube, Dünnglas wird zwar das klassische Floatglas nicht ersetzen, aber überall dort an Bedeutung gewinnen, wo Gewicht, Materialeffizienz und Multifunktionalität entscheidende Planungsparameter sind.
Keine Messe ohne KI und Digital Technologies. Wo sehen Sie hier die Anwendungen und was gibt es dazu im Rahmen der Sonderschau zu sehen? Oder zu hören?
Jutta Albus: Komplexe Geometrien, hochpräzise Fertigungsprozesse und leistungsfähige Fassadensysteme lassen sich ohne digitale Planungs-, Simulations- und Fertigungsmethoden kaum noch realisieren. Dabei geht es nicht nur um die Verglasung selbst, sondern auch um Tragstrukturen, Befestigungssysteme und deren integrale Abstimmung. Künstliche Intelligenz ersetzt nicht die planerische Kompetenz, sondern erweitert sie um neue Möglichkeiten der Analyse, Simulation und Entscheidungsfindung. Sie fördert die Optimierung von Materialeinsatz, Fertigungsprozessen und energetischer Performance oder bei der Entwicklung neuer Produkte. Ein PV-Modul mit individuell gestaltbarer Folie zeigt auf der Sonderschau, wie sich die Effizienz einer Photovoltaikfassade steigern lässt, ohne die gestalterische Freiheit einzuschränken.
Weitere Exponate beschäftigen sich mit intelligenten Steuerungssystemen, sensorgestützten Anwendungen und Hochleistungsgläsern, deren Entwicklung durch KI-gestützte Analyse- und Optimierungsverfahren vorangebracht wird. Auch das begleitende architecture forum greift diese Entwicklungen auf. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie digitale Werkzeuge und KI den Planungsprozess verändern – von der Bestandsanalyse über den Entwurf bis hin zur Entwicklung ressourcenschonender und kreislauffähiger Fassadenkonzepte.