Was sind aus Ihrer Sicht die nächsten Schritte, damit Reuse-Lösungen für Glas auch baurechtlich und wirtschaftlich in der Breite ankommen?
Martien Teich: Immer mehr Anfragen zeigen: Das Interesse wächst – aber es fehlt oft an Erfahrung und Klarheit, besonders bei rechtlichen Fragen. Diese Unsicherheiten führen zu langwierigen Einzelfallprüfungen, was Zeit und Geld kostet. Standardisierte Abläufe sind hier entscheidend. Gemeinsam mit dem Fachverband Konstruktiver Glasbau (FKG) und dem Bundesverband Flachglas (BF) haben wir erste Handlungsempfehlungen veröffentlicht – zur Bestandsaufnahme und zu rechtlichen Fragen. Das ist ein Anfang, den wir in einem aktuellen Forschungsprojekt mit dem Glass Competence Center (GCC) der TU Darmstadt weiterentwickeln.
Sebastian Wernli: Mit jedem realisierten Projekt wächst das Know-how – und die Hemmschwelle sinkt. Wir suchen deshalb aktiv den Austausch mit der Branche und unterstützen bei der Umsetzung. Wichtig ist, aus erfolgreichen Projekten zu lernen und funktionierende Prozesse sichtbar zu machen.
Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit gebrauchte Glasscheiben wiederverwendet werden können?
Sebastian Wernli: Entscheidend ist ein sauberer Rückbau. Wer Scheiben weiterverwenden will, muss sie von Anfang an als wertvolle Bauprodukte behandeln – nicht als Abfall. Nur so bleibt die Qualität über alle Schritte erhalten.
Martien Teich: Zunächst braucht es eine genaue Bestandsaufnahme: Glasart, Beschichtung, Zustand. Viele Scheiben – etwa unbeschichtetes Zweifach-Isolierglas aus den 80er- und 90er-Jahren – lassen sich nicht direkt wiederverwenden, können aber ertüchtigt oder aufgetrennt und als Einzelscheiben in neue Glaseinheiten integriert werden. Hier spielt die visuelle Qualität eine zentrale Rolle, die individuell oder normgerecht geprüft wird.
Sebastian Wernli: Mittelfristig wird auch der Umgang mit beschichteten Gläsern relevanter, da mehr davon ausgebaut werden. Aktuell liegt unser Fokus jedoch auf unbeschichteten Scheiben. Ziel ist es, die Einzelscheiben nach Qualität zu sortieren – hochwertige Gläser werden erneut verwendet, der Rest sortenrein recycelt.
Wie realistisch ist ein breiter Einsatz von Reuse im Bauwesen – und wo liegen die wirtschaftlichen Hebel?
Martien Teich: Auf der glasstec wurde intensiv über Reuse diskutiert. Dabei war auch von der „Low-Hanging-Fruit“ die Rede – dem Bereich, in dem die Wiederverwendung am einfachsten umsetzbar ist. Den größten und gleichzeitig leichtesten Einstieg sehe ich bei herkömmlichen Fenstern in der Sanierung von Büro- und Wohngebäuden. Dort sind Maße oft ähnlich und nicht zu groß, was die Anforderungen an Statik und Bruchverhalten erleichtert. Erkenntnisse aus diesem Bereich können helfen, komplexere Anwendungen wie Fassaden schrittweise zu erschließen.
Sebastian Wernli: Wirtschaftlich argumentiere ich immer mit zwei Punkten: Erstens ist eine ganze Scheibe wertvoller als Glasscherben – es lohnt sich also grundsätzlich, sie nicht sofort zu zerstören. Zweitens: Reuse rechnet sich besonders, wenn man regional denkt. Bestandsglas fällt in Städten an, wo auch gebaut wird. Mit regionalen Strukturen sparen wir Transportkosten, senken Emissionen und stärken die lokale Wertschöpfung. Je besser das organisiert ist, desto realistischer wird Reuse als fester Bestandteil der Baupraxis.