Auf der glasstec 2024 präsentierte Sophie Pennetier die Arbeit ihres Teams zur zirkulären Glaslogistik in Kalifornien. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich demontiertes Architekturglas von der Deponie fernhalten und als Rohstoff an Hersteller zurückführen lässt. Ihre Erfahrungen mit politischen, wirtschaftlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen beziehen sich dabei vor allem auf den US-amerikanischen Markt.
Sie haben auf der glasstec 2024 die Entwicklungen Ihres Teams im Bereich zirkulärer Glasprodukte vorgestellt. Warum landet Post-Consumer-Architekturglas so oft im Bauschutt, statt zurück in den Kreislauf zu gelangen?
Bei Digne arbeiten wir entlang der gesamten Kette der Glas-Dekarbonisierung – von der Kreislauflogistik, die demontiertes Glas auf laufenden Projekten trennt und umleitet, bis zur Entwicklung von Produkten, die dessen Wert steigern. Die Idee ist, demontiertes Glas als Rohstoff zu behandeln, nicht als Schutt, und die Baustelle mit den Herstellern zu verbinden, die es verwerten können.
Wir sind in Kalifornien ansässig und jedes Gespräch über Glaskreislaufwirtschaft muss berücksichtigen, wie stark sich die USA von Bundesstaat zu Bundesstaat unterscheiden. Besonders im Bezug auf Politik, Wirtschaft, Mindestlöhne, die um das Zehnfache variieren, Genehmigungsverfahren und Deponiekosten. Die Rahmenbedingungen ändern sich, sobald man eine Staatsgrenze überquert.
Dass Glas selten zurück in den Kreislauf findet, ist heute kein technisches Problem mehr. Es sind Gewohnheiten und logistische Gründe. Die alte Annahme, Einscheiben-Sicherheitsglas und Verbundglas ließen sich nicht recyceln, ist überholt. Sogar die PVB-Zwischenschicht lässt sich zurückgewinnen. Es gibt aber Nuancen: Verunreinigungen wie Keramikfritte und Emaille sind für die Verwertung als Strahlmittel unproblematisch, erschweren aber auf der Floatglas-Seite die Logistik, treiben die Kosten hoch und können diesen Weg ganz ausschließen. Ich habe kürzlich einen Floatglashersteller kennengelernt, bei dem eine Verunreinigung eine Linie für eine Woche stillgelegt hat: ein bis zwei Millionen Dollar Flachglas wurden verzögert und in eine niedriegere Verwertungsstufe umgeleitet. Hinzu kam das Risiko für die künftige Produktion. Geschlossene Kreisläufe verzeihen keine Fehler und wenn das Gespräch nicht schon vor dem Abriss stattfindet, hat niemand Vorkehrungen dafür getroffen.
Die verbleibenden Hürden sind Kosten und Timing. Der Umgang mit Glas ist für den Rückbau-Auftragnehmer teuer. Ein Posten, für den Eigentümer selten Budget einplanen, aber zusammen mit dem Leistungsumfang des Glasers kann es sich unterm Strich rechnen. Generalunternehmer, die beide Bereiche im Blick haben, hatten den größten Einfluss auf unsere Projekte. Auch Architekten spielen eine wichtige Rolle: Prioritäten wie der in den Materialien enthaltende Kohlenstoff oder der Recyclinganteil gehen aus den Leistungsbeschreibungen allein nicht eindeutig hervor und stehen oft im Konflikt mit Budget und Zeitplan. Bei einem Projekt stand der Zeitplan – und nicht die Kosten – einem höheren Recyclinganteil im Weg. Unser Ziel ist es, schneller, kostengünstiger und besser zu sein, aber bis dahin müssen wir uns entscheiden.
Wer in der Lieferkette muss als Erstes umdenken: Architekt, Fassadenbauer, Glasverarbeiter oder Abbruchunternehmen?
Den ersten Schritt muss derjenige machen, der den Abbruch verantwortet. In der Praxis sind das Generalunternehmer und Abbruchunternehmen, die vor der Ausschreibung transparent mit dem Eigentümer sprechen. Kommunikation kostet uns nichts und trotzdem ist sie das Schwierigste auf einer Baustelle. Man legt von vornherein fest, dass Glas sortenrein getrennt wird, schreibt das in den Vertrag für den Subunternehmer und organisiert einen Recyclingbetrieb. Versäumt man das bei der Ausschreibung, hilft später auch die beste Absicht nicht mehr, das Material zu retten. Architekten und Fassadenbauer entscheiden darüber, ob ein Gebäude überhaupt zurückgebaut werden kann. Die Verarbeiter erweitern ständig die Möglichkeiten. Aber das Schicksal des Glases entscheidet sich bereits am Planungstisch vor dem Abriss.
Außerdem braucht es Ausdauer. Wir haben unserem Abbruchpartner drei Recyclingunternehmen vorgestellt und das hat Jahre gedauert. Aber dank unserer gemeinsamen Behaarlichkeit ist das Projekt inzwischen angelaufen. Das ist kein Schalter, den man einfach umlegt, sondern eine Beziehung, die man aufbaut.
Braucht es neue Standards, damit recyceltes Post-Consumer-Glas als zertifiziertes Bauprodukt anerkannt wird, oder decken bestehende Prüfverfahren das bereits ab?
Ja, wir brauchen Standards, aber deren Entwicklung dauert Jahre. Das habe ich bei ASTM und anderen Branchenverbänden aus erster Hand erlebt. Ich verbringe meine Zeit lieber mit konkreten Projekten, die diese Standards vorantreiben, als auf ein Komitee zu warten, das einen Konsens aushandelt. Standards wirken auch in beide Richtungen: Sie können eine ganze Branche voranbringen, aber wenn sie zu eng formuliert sind, können sie den schrittweisen Fortschritt verhindern, der uns überhaupt erst dorthin bringt. Die größere Lücke ist kein fehlender Test, sondern Marktakzeptanz und Logistik: einen Markt aufzubauen, der auf eigenen Nachweisen basiert und nicht auf wechselnden Förderungen und schwankendem Interesse. Die zurückgewonnenen Materialströme fließen bereits in etablierte Prozesse mit eigenen Spezifikationen ein: Glasfaserdämmung, Sandstrahlmittel, Teppichrücken und PVB-Produkte wie Farben und Klebstoffe. Klarere Standards würden vor allem Planern die Sicherheit geben, Anforderungen an den Recyclinganteil festzuschreiben und die Nachweisdokumentation für Programme wie LEED konsistent zu halten. Das ist zwar nützlich, aber nicht das, was uns eigentlich bremst.
Was uns bremst, sind die Nachfrage und die Art und Weise, wie Politik gestaltet wird. Sinnvolle Maßnahmen finden im politischen Prozess nicht immer die nötige Unterstützung. Dabei geht es um ein größeres Ziel: amerikanische Arbeitsplätze, Rohstoffsouveränität, eine geringere Abhängigkeit von Importen und mehr Kontrolle über die eigenen Rohstoffe. Das ist ein wirtschaftliches ebenso wie ein ökologisches Argument. Das eigene Glas zu recyceln, hält Lieferketten im Land, macht Kosten planbar und schafft Arbeitsplätze.
Ich habe mich gemeinsam mit der National Glass Association in der Lobbyarbeit engagiert. Dabei hat sich bestätigt, welche Themen Washington bewegen: Wählerstimmen, Bezahlbarkeit und Arbeitsplätze. Wenn wir Kreislaufwirtschaft unter diesen Gesichtspunkten betrachten, findet sie breite Unterstützung. Standards entwickeln sich langsam. Jetzt geht es darum, die Risiken der Umsetzung zu minimieren und die bereits vorhandene, noch ungenutzte Marktnachfrage nachzuweisen.
Gibt es einen Aspekt Ihrer Arbeit, der in der öffentlichen Debatte um Kreislaufwirtschaft im Bauwesen mehr Aufmerksamkeit verdient?
Dass Kreislaufwirtschaft an unglamourösen operativen Details hängt, nicht an bahnbrechender Technologie: kleinere Behälter, geschultes Personal, klar beschriftete Container und Gespräche, die vor dem Abriss geführt werden, nicht erst danach. Die Ergebnisse sind greifbar: Wir haben hier in LA über 150 US-Tonnen Glas der Wiederverwertung zugeführt und sind auf dem besten Weg, im ersten Jahr der Post-Consumer-Glasrückgewinnung 300 Tonnen zu überschreiten. Das übertrifft das Ergebnis New Yorks im ersten Jahr. Wir sind ihrer Vorreiterrolle sehr dankbar. Sie sind auf Kurs, ihre Sammelquote nächstes Jahr zu verzehnfachen, sofern die Projekte wie geplant laufen. Ein bisschen Wettbewerb zwischen den Küsten schadet nie, besonders bei einer Mission, die so viel bedeutet.
Sophie Pennetier wird 2026 erneut als Speakerin bei der glasstec dabei sein,
diesmal bei CircuClarity Two.