Join Me (Pty) Ltd beschäftigt sich mit Zukunftsszenarien für die afrikanische Glasverpackungsindustrie. Auf der glasstec 2024 hielt Kathleen Hoogenhout einen Vortrag mit dem Titel „Dekarbonisierung von Glasverpackungen in Afrika". Im Interview erklärt sie, welche Weichen jetzt gestellt werden müssen – und warum europäische Regularien der afrikanischen Glasproduktion eher schaden, als nutzen könnten.
In Ihrem Vortrag haben Sie einen Ausblick auf das Jahr 2050 gegeben. Welche Kernbotschaft möchten Sie der Glasverpackungsindustrie mit auf den Weg geben?
Kathleen Hoogenhout: Wenn Länder, die Glasprodukte importieren, strengere CO₂-Berichtspflichten und Klimaziele einführen, kann das ungewollte Folgen haben: Afrikanische Glasfabriken, die diese Ziele häufig noch nicht erreichen, verlieren Exportaufträge und müssen im Worst Case schließen. Und dass, bevor sie überhaupt die Chance hatten, sich zu dekarbonisieren. Um Kapital für Dekarbonisierungstechnologien freizusetzen, braucht es regional abgestufte Kriterien. Das gilt übrigens nicht nur für die Glasbranche, sondern auch für viele weitere Industrien.
Gleichzeitig sollte die Glasverpackungsindustrie ihr Engagement in der Kreislaufwirtschaft deutlich ausbauen: Mehrwegglassysteme müssen gestärkt, Altglassammlungen aufgebaut werden. In den meisten afrikanischen Ländern existiert eine solche Infrastruktur noch kaum – dabei könnte sie zum Eckpfeiler wirtschaftlicher Entwicklung auf dem Kontinent werden.
Die gute Nachricht: Die Technologien zur Dekarbonisierung existieren und befinden sich in Industrieländern bereits in der Praxis. Afrika muss das Rad also nicht neu erfinden, sondern könnte vorhandene Lösungen übernehmen. Der entscheidende Unterschied: Wo Stromnetze schwach oder unzuverlässig sind, reicht es nicht, einfach auf erneuerbare Energien umzustellen. Glasfabriken sollten deshalb überdenken, woher sie ihre Energie beziehen, und ernsthaft prüfen, ob sie selbst zu Stromerzeugern werden oder Partnerschaften mit Erzeugern erneuerbarer Energien eingehen können.
Sie beschäftigen sich mit Zukunftsszenarien. Welche beiden Unsicherheiten werden Ihrer Meinung nach den größten Einfluss darauf haben, ob die Dekarbonisierung von Glasverpackungen in Afrika rasch voranschreiten oder gebremst wird?
Kathleen Hoogenhout: Zwei Faktoren werden den entscheidenden Unterschied machen: erstens der Ausbau der Stromnetzkapazitäten, denn ohne ausreichende Infrastruktur bleibt Elektrifizierung nur eine theoretische Option. Zweitens die Bereitschaft des Marktes, die vorübergehenden Mehrkosten eines gerechten Übergangs zu erneuerbaren Energien zu tragen.
Denn die Preise dürften mit der Einführung neuer Technologien sowie der Etablierung einer Kreislaufwirtschaft zunächst steigen, bevor sie sich stabilisieren und langfristig sinken. Diese Übergangsphase muss aktiv gestaltet werden.
Wenn Sie einen konkreten Kurs für die kommenden Monate festlegen könnten, wie würde dieser aussehen, um bis 2050 einen glaubwürdigen Weg zu deutlich klimafreundlicheren Glasverpackungen in Afrika zu ebnen?
Kathleen Hoogenhout: Drei Schwerpunkte halte ich für entscheidend: Zunächst sollte die Branche alternative Energiequellen aktiv erforschen und sich an gemeinsamen Regierungs- und Industrieprogrammen zum Ausbau der Stromnetze beteiligen. Dann müssen Partnerschaften mit Kunden und Lieferanten formalisiert und Kreislaufwirtschaftsinfrastrukturen gemeinsam vorangetrieben werden – mit dem klaren gemeinsamen Ziel, die Wiederverwendung von Materialien systematisch zu steigern.
Und schließlich sollte Glas konsequent als überlegenes Substrat für die Einhaltung planetarischer Grenzen neu positioniert werden. Das kann auch bedeuten: weniger Volumen, kleinere Öfen – dafür zu Premium-Preisen, die Nachhaltigkeit sichtbar honorieren.