Auf der glasstec 2022 gründeten Dr. Lisa Rammig und Dr. Linda Hildebrand im Anschluss an ihre gemeinsame Session die Initiative CircuClarity. Nach einer Reihe von Workshops folgte 2024 mit CircuClarity One die erste Konferenz der Initiative, die Forschung und Industrie zusammenbringt und den Weg von der Idee zur praktischen Anwendung verkürzt. Die Entwicklung der Initiative haben die beiden Gründerinnen auch in einem gemeinsamen Fachpaper wissenschaftlich aufgearbeitet. Auf der glasstec 2026 geht CircuClarity nun unter dem Motto „From Practice to Impact" in die nächste Runde. Im Interview sprechen die beiden Gründerinnen darüber, wie aus einzelnen Pilotprojekten skalierbare Standards werden können und welche Zusammenarbeit die Glas- und Fassadenbranche jetzt braucht.
Im letzten Interview haben Sie CircuClarity als Plattform beschrieben, die Wissen aus Forschung und Industrie zusammenführt und den Weg in die praktische Anwendung verkürzen soll. CircuClarity Two steht nun unter dem Motto „From Practice to Impact“. Welchen nächsten Schritt möchten Sie mit der zweiten Ausgabe gehen?
Zunächst geht es bei der Initiative CircuClarity darum, Menschen aus unterschiedlichen Teilen der Industrie zusammenzubringen, Wissensaustausch zu ermöglichen und Ideen sichtbar zu machen. Diese Ideen und die Ergebnisse, die sowohl in Workshops als auch parallel aus Eigeninitiative durch die Forschung und Entwicklung von CircuClarity-Akteuren erarbeitet wurden, haben bei der CircuClarity One ein öffentliches Forum gefunden.
Heute sehen wir, dass aus vielen kleinen Initiativen konkrete Projekte entstanden sind. Mit CircuClarity Two möchten wir zeigen, wie diese Ansätze wachsen können und welche Voraussetzungen notwendig sind, damit aus einzelnen Lösungen eine breite Wirkung entsteht. Entscheidend ist dabei der Austausch zwischen den unterschiedlichen Akteuren – denn Innovation entsteht selten isoliert, sondern durch gemeinsames Lernen und die Weiterentwicklung bereits erprobter Lösungen. Selbst wenn diese teilweise noch am Anfang stehen, sehen wir, dass ein Austausch in größeren Foren diese Anwendungen und vor allem deren Kommerzialisierung deutlich vorantreibt.
Das Programm zeigt Projekte, Materialien und Prozesse, die bereits heute einsetzbar sind. Welche Entwicklungen zeigen aus Ihrer Sicht, dass zirkuläre Lösungen in der Glas- und Fassadenbranche zunehmend in der Praxis ankommen?
Die Branche entwickelt sich mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Manche Themen befinden sich noch im Forschungsstadium, andere werden bereits in realen Projekten umgesetzt. Besonders dynamisch entwickeln sich Lösungen, die ökologische Vorteile mit einer hohen technischen Leistungsfähigkeit verbinden. Dort zeigt sich, dass Nachhaltigkeit nicht im Widerspruch zu Qualität oder Wirtschaftlichkeit stehen muss. Genau diese Beispiele möchten wir sichtbar machen und gemeinsam diskutieren, um eine breitere Anwendbarkeit zu erreichen.
Ein Schwerpunkt liegt auf der Frage, wie aus erfolgreichen Pilotprojekten skalierbare Standards entstehen können. Welche Voraussetzungen müssen dafür zusammenspielen?
Skalierung braucht mehr als gute Produkte. Sie erfordert transparente Informationen, verlässliche Daten und gemeinsame Standards. Die europäischen Anforderungen an Dokumentation und Nachhaltigkeitsnachweise führen dazu, dass Unternehmen ihre Kompetenzen in diesen Bereichen weiter ausbauen oder stärker zusammenarbeiten müssen. Gleichzeitig braucht es den Mut, neue Prozesse zu etablieren und Erfahrungen zu teilen. Erst wenn Wissen, Daten und Kooperation zusammenwirken, können erfolgreiche Pilotprojekte in die Breite getragen werden.
CircuClarity Two bringt Akteure aus Produktion, Verarbeitung, Ingenieurwesen, Architektur und Forschung zusammen. An welchen Schnittstellen der Wertschöpfungskette braucht es derzeit neue Formen der Zusammenarbeit?
Die Transformation ist so umfassend, dass sie von keinem Unternehmen allein bewältigt werden kann. Besonders wichtig ist deshalb die Zusammenarbeit bereits in den frühen Planungsphasen. Viele Entscheidungen über Materialwahl, Rückbaubarkeit oder Wiederverwendung werden schon während der Projektentwicklung und bei der Ausschreibung getroffen. Wenn Hersteller, Planende, Bauherrschaften und Ausführende früher miteinander ins Gespräch kommen, entstehen deutlich bessere Voraussetzungen für zirkuläre Lösungen.
An welchen Beispielen zeigt das Programm, wie zirkuläre Ansätze bereits in konkrete Projekte und Prozesse übertragen werden?
Wir sehen inzwischen erste gebaute Beispiele, in denen wiederverwendete Gläser oder Fassadenbauteile erfolgreich eingesetzt werden. Darüber hinaus werden Projekte vorgestellt, die zeigen, wie Rücknahmesysteme, Materialaufbereitung oder neue Dokumentationsprozesse praktisch funktionieren. Uns geht es dabei bewusst nicht nur um einzelne Produkte, sondern um die Frage, wie ganze Prozesse entlang der Wertschöpfungskette zirkulär gestaltet werden können, ohne andere wichtige Eigenschaften von Gebäuden, wie Performance, Nutzerkomfort sowie Ansprüche an Design einzuschränken. Es geht darum ganzheitlich mit dem Thema umzugehen, um es aus dem Nischendenken herauszuholen.
Welches Thema aus CircuClarity Two wird uns Ihrer Einschätzung nach auch bei der nächsten glasstec noch beschäftigen?
Die große Herausforderung besteht darin, Lösungen zu entwickeln, die architektonische Qualität, technische Leistungsfähigkeit und Umweltwirkung gleichermaßen berücksichtigen. Gerade in der Glas- und Fassadenbranche wird sich zeigen, dass gutes Design und Zirkularität keine Gegensätze sind, sondern sich gegenseitig stärken können.