Die EXXOSQEL GmbH aus Gössenheim, Deutschland, ist auf innovative Oberflächenbehandlungen für Glas spezialisiert. Das Unternehmen präsentierte 2024 in der Start-Up Zone der glasstec seine Technologie zur Reparatur mechanisch beschädigter Glasoberflächen. Im Interview erklärt Geschäftsführer Thomas Claude Sauer, wie Leichtbau durch Festigkeitssteigerung zu einem zentralen Hebel für die Dekarbonisierung der Glasindustrie werden kann.
Wenn Sie auf die Dekarbonisierung der Glasindustrie insgesamt blicken, wo stehen wir gerade, und was sind aus Ihrer Sicht die zwei wichtigsten Stellschrauben für die nächsten Jahre?
Thomas Claude Sauer: Die wichtigsten Stellschrauben zur Dekarbonisierung bestehen aus einer Kombination von Energieeinsparungen und weitestmöglicher Elektrifizierung der Schmelztechnologie – und zwar in Verbindung mit erneuerbaren Energieversorgungskonzepten einschließlich Energiespeichern. Erste Projekte zur Steigerung der Elektrifizierung wurden bereits im Industriemaßstab umgesetzt.
Beispielhaft steht hier das Projekt „NextGen Furnace" von Ardagh Glass Packaging in Obernkirchen, bei dem der Anteil der Elektro-Beheizung massiv gesteigert werden konnte. Das ist eine Grundvoraussetzung für die Dekarbonisierung, da elektrischer Strom aus erneuerbaren Quellen erzeugt werden kann. Wie schnell die Glasindustrie diese Wende vollziehen wird, lässt sich schwer vorhersagen. Aufgrund der relativ langen Wannenlaufzeiten wird das selbst im besten Fall noch einige Jahre dauern.
Den Bemühungen zur Beheizung mit Wasserstoff stehe ich skeptisch gegenüber: Wasserstoff wird in bestimmten Prozessen eine Rolle spielen, doch zum Beheizen ist er meines Erachtens zu aufwendig und unwirtschaftlich in Herstellung und Bereitstellung.
Eine wesentliche Stellschraube zur Energieeinsparung besteht neben operativen Prozessoptimierungen in der Konversion zum Leichtgewichtsglas durch die Erhöhung der Festigkeit. Das bringt gleich zwei Vorteile: Erstens sinkt der Energieverbrauch je produzierter Einheit (etwa je Quadratmeter oder je Stück), da weniger Materialeinsatz erforderlich ist. Zweitens reduzieren sich Transport- und Logistikaufwände infolge des geringeren Gewichts, was zusätzliche Effizienz- und Nachhaltigkeitseffekte mit sich bringt. Ein weiterer Sekundäreffekt ist die Reduktion der Anforderungen an unterstützende Strukturen. Im Hochbau etwa ließen sich durch die Gewichtsreduktion beim Glas die statischen Anforderungen und damit Beton- und Stahlmassen deutlich verringern.
Sie setzen beim Leichtgewichtsglas über eine Oberflächenbehandlung an. Welche Eigenschaft von Glas „verschieben“ Sie damit in der Praxis, und was passiert dabei grob auf physikalischer oder chemischer Ebene, sodass das Material resilienter wird?
Thomas Claude Sauer: Mit unserer Technologie können Oberflächendefekte teilweise ausgeheilt werden. Ein Ansatz, mit dem sich eine deutliche Festigkeitssteigerung erzielen lässt. Konkret erzeugen wir auf molekularer Ebene kovalente Brückenbindungen in den Mikrorissen, die bei Abkühlung und Heißformgebung entstehen. Dadurch erhöht sich die zum Bruch notwendige Energie erheblich. Zudem entsteht eine Barriere gegen Umwelteinflüsse. Auch Brillanz und Haptik des Glases werden verbessert, und das Material wird geringfügig duktiler.