Das Bauen steht vor einer großen Transformation: Weniger Abfall, weniger Emissionen, mehr Wiederverwendung. Genau hier setzt die Studie von Hans Ignacio Scholz, Research Associate am Glass Competence Center der TU Darmstadt, an. Er untersucht, wie sich rückgebaute Isoliergläser direkt in ein neues Produkt überführen lassen. Der Ansatz verspricht enorme CO₂-Einsparungen – doch bis zur breiten Anwendung sind noch einige Hürden zu nehmen.
Ihre Untersuchung zeigt, dass ausgediente Isoliergläser zu leistungsfähigem Verbundsicherheitsglas verarbeitet werden können. Welche Rolle könnte dieser Ansatz künftig im Kontext der Kreislaufwirtschaft im Bausektor spielen?
Hans Ignacio Scholz: Im Kontext der Kreislaufwirtschaft sprechen wir von ‚Repurpose‘ – also der Umnutzung alter Bauteile in neuen Produkten. Ziel ist es, den Verbrauch natürlicher Ressourcen zu senken, Abfall zu vermeiden und den Energieeinsatz zu reduzieren.
Unsere Untersuchung zeigt, dass sich durch die Herstellung von Verbundsicherheitsglas (VSG) mit rückgewonnenen Glasscheiben bis zu 80 % CO₂-Emissionen einsparen lassen – verglichen mit VSG aus neuen Glasscheiben.
Vor dem Hintergrund des European Green Deal und des EU-Aktionsplans zur Kreislaufwirtschaft ist das ein wichtiger Beitrag, um die Treibhausgasemissionen im Bausektor zu senken. Zudem bietet die Wiederverwendung von Isolierglas eine attraktivere Alternative zum klassischen Recycling: Dort werden die sogenannten Glas-Cullets – also Glasscherben – eingeschmolzen und neu verarbeitet.
Das spart zwar Energie im Vergleich zur Primärglasproduktion, erzeugt aber dennoch zusätzlichen Abfall.
Wo sehen Sie aktuell die größten Hürden: in der Zulassung, der Logistik oder in der Bereitschaft am Bau?
Hans Ignacio Scholz: Zum einen fehlen uns wissenschaftliche Grundlagen für die Zulassung: Es gibt bislang zu wenige Studien über die natürliche Alterung von Architekturglas. Wir müssen nachweisen, dass auch veraltetes Glas – also Glas, das schon Jahrzehnte im Einsatz war – die gleichen Qualitäts- und Normanforderungen erfüllt wie neues Glas.
Auch braucht es politische Rahmenbedingungen, um den Prozess zu beschleunigen. Denkbar wären steuerliche Anreize für Re-Use-Glas, sodass es für Bauherren attraktiver und bezahlbarer wird. Man könnte diese Produkte ähnlich betrachten wie Bio-Produkte im Lebensmittelbereich: nicht unbedingt günstiger, aber mit einem klaren Mehrwert für die Umwelt.
Und zuletzt geht es um Logistik und Baupraxis. Der Rückbau und Transport erfordert geschultes Fachpersonal, um die Glasscheiben nicht zu beschädigen. Wirtschaftlich wird das Ganze aber erst, wenn es neue Geschäftsmodelle gibt, die mit den heutigen Marktpreisen konkurrieren können. Am Ende ist es leider vor allem eine Kostenfrage.